Denkanstöße: Konsumhaltung auf Larps

Facebook ist ein tolles Medium. Viele Leute posten spontan interessante Kommentare zu verschiedenen Themen. Da wir uns auf facebook keine perfekt ausformulierten, rundum durchdachten Beiträge erwarten, ist die Hemmschwelle, etwas beizutragen viel geringer. Deshalb wird auf facebook viel diskutiert, auf Blogs hingegen nur wenig. Der Nachteil von facebook ist, dass alle Beiträge irgendwann im Dunkel der timeline verschwinden. Ich möchte deshalb versuchen, eine (subjektive) Auswahl an facebook-Beiträgen zu immer wiederkehrenden Diskussionsthemen dauerhaft in diesem Blog zu archivieren, damit wir später darauf verweisen können und nicht immer wieder von vorne beginnen müssen. Die folgenden Beiträge sind mit Einverständnis der Autor*innen (teilweise gekürzt, aber ansonsten unverändert) wiedergegeben.

Ein facebook-user hat die Diskussion eröffnet. Er wollte wissen, woran eine “Konsumhaltung” in Larps festzumachen sei, ob diese in den letzten Jahren zugenommen habe und was man dagegen tun könne.

(Link zur Original-Diskussion mit sämtlichen Beiträgen.)

Christof Strobl hat geantwortet:

Konsumhaltung in diesem Zusammenhang ist eine Einstellung, dass man weil man etwas zahlt auch etwas geboten bekommen soll. Also nicht im Sinn einer Kostenteilung sondern in einem Kunden-Lieferanten Verhältnis.
Das kann sich z.B. äußern in wenig Vorbereitung des Spilern was den Hintergrund betrifft, spätes an und frühes Abreisen (vorzugsweise hne bei den Aufräumarbeiten zu helfen), hohe Ansprüche an Unterkunft, Verpflegung, gerne kombiniert mit Abscheu davor, dass der Orga ein paar Euro überigbleiben könnte und sie sich damit bereichert hätte.
Ob das jetzt tatsächlich mehr oder weniger geworden ist mag ich nicht so allgemein sagen. Bekanntermaßen war “früher alles besser”.

Sabine Simmet hat geantwortet:

als ich 2001 in das Hobby eingesteigen bin, gab es noch Vorbesprechungen zu denen auch der großteil der Spieler erschien.
Es war völlig selbstverständlich beim Herrichten und Aufbauen mit anzupacken. Es gab auch Nachbesprechungen, die meisten gleich in die Planung fürs nächste Spiel übergegangen sind.
NIemand ist schon Samstagabend heimgefahren. Im Gegenteil, oft sind wir am Sonntag noch nach dem Aufräuemen in großer Runde Pizzaessen gegangen. Heute rackert sie die ORGA bis in die Nacht mit dem Fundus ab und fällt dann nur noch mit einem leisen “Ich bin zu alt für diesen Scheiß” ins Bett.
Früher wäre niemand auf die Idee gekommen, weniger zahlen zu wollen, weil er halt nicht alles essen darf/mag.
Früher wolten wir einfach wie Kinder eine Rolle spiele und haben das getan. Einfach so drauf los. Heute wirkt es gefühlt nach “ich hab gezahlt, jetzt unterhalt mich auch”.
Früher haben wir uns nach dem Abbau schon über den nächsten Termin unterhalten. Spieler haben bereits beim Checkout fürs nächste Mal bezahlt. Heute spielen so viele Faktoren zusammen, dass immer weniger Leute sich früh festlegen können. Das ist aber ein Teufelskreislauf, denn, je später die ORGA weiß, ob ausreichend Spieler zusammenkommen, desto unsicherer wird die Umsetzung, desto weniger Spieler lassen sich früh auf das Risiko ein.
Früher gab es einfach weniger Angebot. Noch vor meiner Zeit waren Spiele auf Vereinsmitglieder beschränkt, oder die Teilnahme durch Tagesmitgliedschaften möglich. Heute kann jeder überall spielen.
Die Ansprüche sind gewachsen, die Loyalität und Soldarität gesunken. Ist aber imho generell in der Gesellschaft so und nicht nur unter Larpern.

Alexander Murer hat geantwortet:

Ich hab seit 12 Jahren nichtmehr Mittelalter Fantasy Larp gespielt, kann mich aber an exakt dieselbe Diskussion damals erinnern 😄
Manche Leute haben über das besondere französische Essen auf einem Larp gemeckert, auf einem andern Spiel Säckeweise Müll …See More

Franz Stark hat geantwortet:

Aus meinen eigenen Erfahrungen würde ich sagen, dass vor 2008 (da hab ich zum Fantasy Larpen begonnen) wohl es üblicher war noch zu helfen und bis ~2010 hätte ich auch eher die Erfahrung gemacht, dass es Bestand hatte.
Was auch immer nach 2010 passiert ist, in jedem Fall entstand auch bei mir der Eindruck, dass Aufgrund mehrerer Faktoren (manche offen kommuniziert, manche nicht) die Anzahl derer die sich aktiver eingebracht hatten (auch bis zum Schluss) stetig sank.
[…]
Ggf. ließe es sich mit mehr Transparenz von Orga Seite her steuern, also zB je mehr du zeigst wie hoch dein Aufwand ist den du betreibst umso mehr fühlen sich Teilnehmer ggf. dazu animiert sich mehr einzubringen. Abgesehen von Transparenz natürlich auch eine starke Einbindung der Teilnehmer selbst, vielleicht sogar mit einem gewissen Potential an Einbringung und aktiver Gestaltung des Inhalts schon vor dem Spiel… also Dinge die teilweise Orgas schon machen, andere wiederum nicht. Und da gibts auch noch weit mehr als ich bis jetzt aufzählen konnte…
Schlussendlich können wir nur alle gemeinsam daran arbeiten, dass sich das Verhältnis zu “ich tue mehr für die Community (inkl. Veranstalter, etc.)” begünstigt entwickelt und wir über ein geringes Maß an “ich will nicht helfen” (warum auch immer) lernen müssen mehr hinweg zu sehen als früher.

Thomas Pointner hat geantwortet:

Ich hab 2012/2013 angefangen. Orga bin ich nur auf den Inselreichen. Meine Perspektive ist daher recht eingeschränkt 😅
Als ich angefangen hab, hatte ich sehr das Gefühl, die Orga ist grundsätzlich für alles zuständig. Niemand war zu helfen verpflichtet, und Leute haben es dann getan wenn ihnen grad danach war. Teilnehmer die sich mit Ideen/Impulsen/Kostümen/Props/Communitybuilding besonders eingebracht haben, waren besonders hoch angesehen.
Das hat mein Bild sehr stark geprägt. Ich hab als Orga von Anfang an das Gefühl gehabt, das Team muss die Dinge allein stemmen können, und glücklicherweise helfen dann aber auch meistens andere mit. Ich hab auch schon mal nach einem Spiel die Wildegg zu zweit mit meiner Mutter aufgeräumt und dabei zwischendurch geweint weil ich das so anstrengend und einsam fand.
Deswegen bin ich heute extrem froh wie toll die Inselreiche-Community zusammen hält. Sowohl auf den Spielen als auch dazsichen höre ich ganz oft die Fragen “Wie kann ich helfen? Was braucht ihr?” und Zuspruch als Orga. Das tut extrem gut, und ich bemühe mich mittlerweile bewusst, communitybuilding zu betreiben.
Wir haben auch das Team stark vergrößert, was auch ein Grund ist warum nicht mehr so viel auf den Schultern von einzelnen lastet, der nicht unbedingt mit der Community zu tun hat. Allein die Pizzi Urban stemmt mittlerweile mindestens so viel wie ich.
Also für mich fühlt es sich so an als ob der Zusammenhalt und das Zusammenhelfen stärker wird, aber ich glaube das das kein Allgemeinphänomen ist, sondern an meinen Erfahrungen als SL und an meiner Nische liegt.

Yvonne Leiche hat geantwortet:

Mein erstes, öffentlich ausgeschriebenes Spiel im Jahr 2000: Jeloins Hort auf Burg Engelstein. Lauter gute Bekannte oder sogar Freunde dort. Mörder Deko-Aufwand + Dungeon.
Manche sind schon am Samstag abgerissen, andere am Sonntag Morgen. Warum? Das Wetter war scheiße, es hat geregnet und war feuchtelig, die Burg war klamm. Wir waren nichtmal 10 Leute beim Wegräumen und haben ewig dafür gebraucht.
JEDE/R hatte für sich genommen einen guten, wichtigen Grund, warum er/sie leider früher weg musste.
Das war mein erstes und letztes Spiel ohne Putzpauschale.

Andreas M. Völker hat geantwortet:

Erstmal, ja, ich sehe da eine Entwicklung, aber “Konsumverhalten” gab es in der Form schon immer. Ich veranstalte seit 2003 LARP-Cons und schon damals war es so, dass Mithilfe beim Abbau von Spielerseite nicht selbstverständlich war. Allerdings war es da noch selbstverständlich, dass es am Sonntag noch Spielinhalt giebt und Spieler waren damals punktebedingt auch noch auf Conbescheinigungen scharf. Ich vermute, dass das nicht mehr vorhandene Spiel am Sonntag auch damit zusammenhängt, dass man sich seinerzeit noch XP dafür eintragen konnte, seit punktelose Systeme verbreiteter wurden, fiel diese Motivation weg.
Aber dieses Phänomen ist bekannt und daher planbar.
Was mir aber auch aufgefallen ist, dass Spieler vergleichen, ohne dabei die Rahmenbedingungen zu kennen. Beispiel: Location X in der Stadt Y wird seit Jahren von Verein A bespielt. die haben dort ein lager, haben Requisite und Kulissen in einem Umfang, der jedes Theater neidisch werden lässt und praktisch keine Transportkosten. Wenn jetzt Orga B aus Stadt Z dort was veranstaltet, haben die einen deutlich höheren und teureren Aufwand damit, können nur ein Bruchteil dessen was A hat heranschaffen und das auch noch für teuer Geld. Das sehen die Teilnehmer aber oft nicht und jammern dann rum, dass die veranstaltungen von A besser und obendrein noch günstiger sind. Und genau das ist eine Schattenseite von Konsumverhalten, denn es wird nur der sichtbare Teil verglichen, ohne zu überlegen, welcher Aufwand dahinter steckt. Würden LARP-Veranstalter Preise aufrufen, die in der freien Wirtschaft für den Aufwand üblich wären, dann würde sich das sowiso kaum noch jemand leisten können. Aber auch das sieht kaum jemand. Leider.
Was kann man dagegen tun? Nichts. Allerdings kann man sich als Orga so ausrichten, dass man mit genau diesem Konsumverhalten rechnet und die Veranstaltung entsprechend plant. Ich hatte lange das Prinzip, dass eine Wochenendcon bei mir nie mehr als 100 €uro kosten sollte. Das war immer möglich und funktionierte auch wirtschaftlich, führte aber auch immer zu Spielern, die nicht zufrieden waren. Deswegen bin ich davon jetzt weg, weil ich festgestellt habe, dass Spieler eher bereit sind, mehr zu zahlen, wenn dann auch mehr geboten wird, als eine günstige, aber durchschnittliche Veranstaltung zu besuchen. So ist der Markt aktuell und da passe ich mich entsprechend an.

Chris “Grilli” Berger hat geantwortet:

Was ich da aus früherer Zeit da noch im Kopf habe war, dass wenn Sonntag noch gespielt wurde dann ging’s um 8 los bis Mittag und nicht erst um 11. Und wenn nicht ist man trotzdem um 7, 8 aufgestanden und hat aufgeräumt. Und nicht erst irgendwann Mal um 10, 11 angefangen oder brav gewartet bis der letzte irgendwann aufgestanden ist. Ich kenne die Situation vom Drachenfest ziemlich gut und aufgrund der größe umso drastischer: Sonntag um 9 oder 10 hat man unzählige Hände die beim Abbau helfen wollen, aber die warten halt keine 3 h nur weil grad keine Arbeit da ist.

Maximian Hofbauer hat geantwortet:

Mir zeigt diese Diskussion wieder einmal auf, wie heterogen und uneinheitlich die Szene ist und wie falsch, vorschnell von den eigenen Erfahrungen auf die Gesamtheit zu schließen.
Ich nehme alles in allem als Orga überhaupt keine virulente Konsumkultur bei den TeilnehmerInnen wahr. Ganz im Gegenteil!
Ich erlebe SpielerInnen, die sich auf ihre Rollen vorbereiten, sich selbstständig mit den Vorinfos, die man ihnen zukommen lässt, auseinandersetzen und einander helfen, sich passende Kostüme zu organisieren.
Ich erlebe SpielerInnen, die wegen den Preisen keine Unterstellungen machen, sondern ein Grundvertrauen haben, dass das alles schon passen wird, dann, wenn sie doch einmal grad blank sind, maximal höflich fragen, ob sich vielleicht irgendeine Kulanzlösung finden lässt und mir nach dem Spiel häufig die Putzkaution schenken, um mir ein Schnitzel oder was fesches für den Fundus zu kaufen.
Ich erlebe SpielerInnen, die ganz selbstverständlich vor dem Spiel beim Aufbauen und Dekorieren helfen, mir wo immer ich währenddessen schnell Hilfe brauche zur Hand gehen und am Sonntag zusammenräumen und auch dann schon eigenständig damit anfangen, wenn die Orga wieder einmal restfett und zu lange im Bett liegt.
Ich erlebe SpielerInnen, die während dem Spiel aufeinander schauen, selbst Spielansätze für andere generieren und sich bemühen, auszuhelfen und mit eigenen Inputs einspringen, wenn Teile des Spiels einfach nicht hinhauen.
Ich erlebe SpielerInnen, die trotz aller Probleme und Kritik an einem Spiel Verständnis haben und trotzdem Wertschätzung und Dankbarkeit zeigen.
Und vor allem erlebe ich haufenweise Leute, die mir vor und nach dem Spiel bei unzähligen Orga-Arbeiten zur Hand gehen, für mich nähen, basteln, zeichnen, am Spiel kochen (!), den Webauftritt organisieren, den Fundus in Ordnung halten helfen, die Location inspizieren, Transportaufgaben erledigen, irgendwelche administrativen Dinge machen oder einkaufen gehen, alles, ohne dafür mehr als ein Bussi und ein Bier zu verlangen.
Sicher, es gibt immer wieder mal Ausnahmen und einzelne Situationen und der „grad voll im Stress weil das Spiel in einer Woche ist und überhaupt ist alles scheiße“-Max sudert natürlich auch ständig herum, aber mit etwas Abstand betrachtet sind das stets nur marginale Kleinigkgkeiten, die im allgemein ganz hervorragenden Community-Geist überhaupt keine Rolle spielen. Für jedes „Oida, wann kommt endlich mein Charakter?“ bekomme ich mindestens zwei „Hey Max, wie kann ich helfen?“. ❤
Und all das wurde in den letzten Jahren meinem Erleben nach keinesfalls weniger bzw. schlechter, sondern wenn, dann noch besser und selbstverständlicher. Und genauso wenig erlebe ich das nur bei den alten Hasen, sondern mindestens gleich stark bei den vielen coolen und motivierten Neuzugängen der letzten Jahre.
Mir tut es beim Lesen anderer Kommentare sehr leid, dass Andere da weniger Glück haben und hoffe, dass sich sich da Lösungen für euch finden lassen. Ein Larp zu organisieren ist so elendig viel Arbeit, die sollte man mMn nur machen, wenn man sich dafür auch gewürdigt und anständig behandelt fühlt.
Mich ärgert es aber ehrlich gesagt auch schon länger, dass in all diesen „Früher war alles besser und die heutige Szene ist aus diesem und jenem Grund ganz furchtbar“-Threads sehr schnell generalisiert und auf die ganze Szene geschlossen wird. Bitte passt da ein bisschen mit den Formulierungen auf. Mich graust es wirklich ein bisschen bei dem Gedanken, dass Außenstehende solche Diskussionen lesen und den Eindruck haben, die ganze Larpszene bestünde nur mehr aus konsumorientierten Trotteln, die sich nicht einbringen und darüber hinaus zu deppert sind, den Weg zur Location zu finden.

Alexander Neubauer hat geantwortet:

Ich möchte einen eher abstrakten und weniger auf die Vergangenheit sondern eher auf eine (vielleicht) wünschenswerte Zukunft hin ausgerichteten Vorschlag bringen, der zu diesem Thema als Lösungsvorschlag passend ist:
Ich fände es gut wenn die alteingefahrenen Grenzen zwischen Organisator*innen und Spieler*innenschaft langfristig aufgelöst werden. Mir ist klar, dass es wohl (fast) immer Menschen geben muss, die organisatorisch oder kreativ den Überblick behalten müssen, um ein kohärentes Spielerlebnis zu schaffen.
Ich glaube aber auch, dass es eine künstliche Grenze gibt die vielleicht noch aus den Ursprüngen des Larps im Pen and Paper Bereich stammt, die aufgeweicht werden könnte.
Wenn sich alle “Spielenden” eines Larps als Mitverantwortliche für dessen Umsetzung empfinden und nicht als Teilnehmende, könnte das das Verantwortungsbewusstsein, das Bewusstsein für den Arbeitsaufwand und das Commitment steigern und sich langfristig positiv auf die Community auswirken.
Nur so ein schnell hingeschriebener Gedanke.

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