Safewords im Larp, aktiv eingesetzt, bereichern unser Spiel.

In Österreich nutzen manche Orgas seit einigen Jahren ein Safeword, das die Immersion bzw. den Spielfluss möglichst wenig stören soll: Wenn ich die Phrase “Wenn das deine Mutter wüsste!” äußere, signalisiere ich meinem Gegenüber damit, dass mir eine gemeinsame Szene (warum auch immer) gerade zu stark eskaliert. Mein Gegenüber kann daraufhin einen Gang runterschalten, ohne das Spiel zu unterbrechen.

Diese etablierte Meta-Technik hat aber den großen Nachteil, dass sie nur opferseitig eingesetzt werden kann: Ich kann zwar als Opfer aktiv signalisieren, dass ich mich gerade unwohl fühle. Ich kann aber nicht als Täter aktiv nachfragen, ob mein gerade sehr überzeugend spielendes Opfer mit der Intensität der Szene glücklich ist oder bereits eine Grenze erreicht oder gar überschritten hat.

Gerade diese “proaktive Erkundigung” kann im Larp aber sehr wichtig sein, wobei mir das auch erst in letzter Zeit so wirklich bewusst geworden ist. Als ich zu Larpen begonnen habe, waren Safewords noch kein Thema. Dann hat das langsam angefangen, aber nur als Sicherheitsnetz für Opfer, die sich überfordert fühlen. Eh nett, habe ich mir damals noch gedacht, ich selbst werd’s zwar kaum brauchen, weil meine persönlichen Grenzen im Larp sehr weit gehen, aber für andere sicher sinnvoll. Mittlerweile habe ich in verschiedenen Communities gespielt, gerade auch mit vielen Menschen, die ich überhaupt nicht kenne und deshalb kaum einschätzen kann. Und rückblickend muss ich sagen: Oft habe ich mich gerade als Täter selbst eingeschränkt, weil ich unsicher war, ob es eine gute Idee ist, eine Szene noch weiter zu eskalieren. Vielleicht kennen auch andere diese typischen Gespräche nach einem Larp: “Was, du hast gedacht, ich wollte nicht mehr? Nein, ich fand die Szene voll geil und war enttäuscht, als ihr so plötzlich aufgehört habt!” Falsche Rücksichtnahme, verpasste Chancen.

2017 haben wir mal über den OK Check-In geschrieben, der dieses Problem beheben sollte: Mit unauffälligen Handzeichen kann aktiv erfragt werden, wie sich ein “Opfer” gerade fühlt. Allerdings sind diese subtilen Gesten nach meiner persönlichen Erfahrung schon so unauffällig, dass sie im Eifer des Gefechts, bei Dunkelheit etc. oft einfach übersehen werden. Wenn ich dann wiederholt vor den Augen einer anderen Person gestikulieren muss, leidet meine Immersion. Andere berichten, dass die Geste oft nicht von sämtlichen Beteiligten wahrgenommen und das Opfer daher mehrfach hintereinander angestikuliert wird, was natürlich erst recht der Immersion schadet.

International wird gerne mit verbalen Safewords gearbeitet, die täter- und opferseitig eingesetzt werden können. Manchmal werden dazu Farbcodes (grün/gelb/rot) verwendet, man kann die Codes aber, passend zum Setting, beliebig variieren. Ein darauf aufbauender Vorschlag könnte so aussehen:

Safewords im Larp

Im Larp loten wir gerne mal unsere persönlichen Grenzen aus, aber jede/r hat seine eigenen, ganz individuellen Grenzen, und das ist okay. Deshalb verwenden wir Sicherheitschecks, um zu klären, ob uns eine Szene zu intensiv wird.

  • Während des Spiels kannst du jederzeit “ICH FÜHLE MICH GRÜN” sagen, um zu signalisieren, dass für dich alles in Ordnung ist.
  • Wenn eine Szene für dich in eine unangenehme Richtung verläuft und du dich persönlich unwohl fühlst, kannst du jederzeit “ICH FÜHLE MICH GELB” sagen.
  • Die anderen an der Szene beteiligten Personen werden die Szene daraufhin nicht weiter eskalieren bzw. ein wenig deeskalieren, ohne das Spiel zu unterbrechen.
  • Du kannst dein Gegenüber auch proaktiv fragen, ob er/sie eine Szene weiter eskalieren möchte, dazu fragst du einfach “FÜHLST DU DICH GRÜN?”. Dein Gegenüber wird entweder “JA, ICH FÜHLE MICH GRÜN” oder “NEIN, ICH FÜHLE MICH GELB” antworten. Gerade diese proaktive Frage kann sehr nützlich sein, weil sie täterseitig falsche Hemmungen verhindert und dadurch intensivere Szenen entstehen können.
  • Wenn du eine laufende Szene (warum auch immer) verlassen möchtest, kannst du deine Augen mit einer Hand beschatten, nach unten blicken und weggehen. Die anderen an der Szene beteiligten Personen werden dich dabei ignorieren.
  • Weder während des Spiels noch danach werden die anderen dich fragen, warum du “ICH FÜHLE MICH GELB” gesagt oder eine Szene verlassen hast. Das ist deine Sache und du entscheidest selbst, ob du nach dem Spiel darüber sprechen möchtest.
  • Wenn du der Meinung bist, dass das Spiel aus Sicherheitsgründen sofort unterbrochen werden muss, kannst du jederzeit “ROT STOP” sagen. Die anderen an der Szene beteiligten Personen werden das Spiel daraufhin sofort unterbrechen und gemeinsam mit die Ursache des Problems ermitteln.

Gut gefällt mir hier auch die in manchen Communities übliche Methode, die Augen mit der Hand zu beschatten, um sich als “nicht im Spiel befindlich” zu kennzeichnen. Ob man gerade eine Pause braucht oder einfach nur auf die Toilette geht: Die Geste ist auf jeden Fall praktischer als die früher von uns praktizierte Methode, mit beiden Armen ein Kreuz vor unserer Brust zu bilden. (Eine Geste, die tatsächlich derart mühsam ist, dass sie häufig nur noch halbherzig oder gar nicht ausgeführt wird!)

Soll dies nun der Nachfolger für das traditionelle “Wenn das deine Mutter wüsste!” werden? Natürlich klingt ein Satz wie “Fühlst du dich grün?” erst mal nicht besonders schön, aber das soll er meiner Meinung nach auch gar nicht: Safewords müssen auffallen, sie DÜRFEN einfach nicht überhört werden, auch wenn die Emotionen gerade hochgehen. Die Immersion stört dieser kurze, aber klare Satz noch kaum, viel weniger jedenfalls als jedes Missverständnis und daraus resultierende wiederholte Nachfragen und Diskussionen.

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