Denkanstöße: Konsumhaltung auf Larps

Facebook ist ein tolles Medium. Viele Leute posten spontan interessante Kommentare zu verschiedenen Themen. Da wir uns auf facebook keine perfekt ausformulierten, rundum durchdachten Beiträge erwarten, ist die Hemmschwelle, etwas beizutragen viel geringer. Deshalb wird auf facebook viel diskutiert, auf Blogs hingegen nur wenig. Der Nachteil von facebook ist, dass alle Beiträge irgendwann im Dunkel der timeline verschwinden. Ich möchte deshalb versuchen, eine (subjektive) Auswahl an facebook-Beiträgen zu immer wiederkehrenden Diskussionsthemen dauerhaft in diesem Blog zu archivieren, damit wir später darauf verweisen können und nicht immer wieder von vorne beginnen müssen. Die folgenden Beiträge sind mit Einverständnis der Autor*innen (teilweise gekürzt, aber ansonsten unverändert) wiedergegeben.

Michi Matterleitner hat die Diskussion eröffnet. Er wollte wissen, woran eine “Konsumhaltung” in Larps festzumachen sei, ob diese in den letzten Jahren zugenommen habe und was man dagegen tun könne.

(Link zur Original-Diskussion mit sämtlichen Beiträgen.)

Christof Strobl hat geantwortet:

Konsumhaltung in diesem Zusammenhang ist eine Einstellung, dass man weil man etwas zahlt auch etwas geboten bekommen soll. Also nicht im Sinn einer Kostenteilung sondern in einem Kunden-Lieferanten Verhältnis.
Das kann sich z.B. äußern in wenig Vorbereitung des Spilern was den Hintergrund betrifft, spätes an und frühes Abreisen (vorzugsweise hne bei den Aufräumarbeiten zu helfen), hohe Ansprüche an Unterkunft, Verpflegung, gerne kombiniert mit Abscheu davor, dass der Orga ein paar Euro überigbleiben könnte und sie sich damit bereichert hätte.
Ob das jetzt tatsächlich mehr oder weniger geworden ist mag ich nicht so allgemein sagen. Bekanntermaßen war “früher alles besser”.

Sabine Simmet hat geantwortet:

als ich 2001 in das Hobby eingesteigen bin, gab es noch Vorbesprechungen zu denen auch der großteil der Spieler erschien.
Es war völlig selbstverständlich beim Herrichten und Aufbauen mit anzupacken. Es gab auch Nachbesprechungen, die meisten gleich in die Planung fürs nächste Spiel übergegangen sind.
NIemand ist schon Samstagabend heimgefahren. Im Gegenteil, oft sind wir am Sonntag noch nach dem Aufräuemen in großer Runde Pizzaessen gegangen. Heute rackert sie die ORGA bis in die Nacht mit dem Fundus ab und fällt dann nur noch mit einem leisen “Ich bin zu alt für diesen Scheiß” ins Bett.
Früher wäre niemand auf die Idee gekommen, weniger zahlen zu wollen, weil er halt nicht alles essen darf/mag.
Früher wolten wir einfach wie Kinder eine Rolle spiele und haben das getan. Einfach so drauf los. Heute wirkt es gefühlt nach “ich hab gezahlt, jetzt unterhalt mich auch”.
Früher haben wir uns nach dem Abbau schon über den nächsten Termin unterhalten. Spieler haben bereits beim Checkout fürs nächste Mal bezahlt. Heute spielen so viele Faktoren zusammen, dass immer weniger Leute sich früh festlegen können. Das ist aber ein Teufelskreislauf, denn, je später die ORGA weiß, ob ausreichend Spieler zusammenkommen, desto unsicherer wird die Umsetzung, desto weniger Spieler lassen sich früh auf das Risiko ein.
Früher gab es einfach weniger Angebot. Noch vor meiner Zeit waren Spiele auf Vereinsmitglieder beschränkt, oder die Teilnahme durch Tagesmitgliedschaften möglich. Heute kann jeder überall spielen.
Die Ansprüche sind gewachsen, die Loyalität und Soldarität gesunken. Ist aber imho generell in der Gesellschaft so und nicht nur unter Larpern.

Alexander Murer hat geantwortet:

Ich hab seit 12 Jahren nichtmehr Mittelalter Fantasy Larp gespielt, kann mich aber an exakt dieselbe Diskussion damals erinnern 😄
Manche Leute haben über das besondere französische Essen auf einem Larp gemeckert, auf einem andern Spiel Säckeweise Müll …See More

Franz Stark hat geantwortet:

Aus meinen eigenen Erfahrungen würde ich sagen, dass vor 2008 (da hab ich zum Fantasy Larpen begonnen) wohl es üblicher war noch zu helfen und bis ~2010 hätte ich auch eher die Erfahrung gemacht, dass es Bestand hatte.
Was auch immer nach 2010 passiert ist, in jedem Fall entstand auch bei mir der Eindruck, dass Aufgrund mehrerer Faktoren (manche offen kommuniziert, manche nicht) die Anzahl derer die sich aktiver eingebracht hatten (auch bis zum Schluss) stetig sank.
[…]
Ggf. ließe es sich mit mehr Transparenz von Orga Seite her steuern, also zB je mehr du zeigst wie hoch dein Aufwand ist den du betreibst umso mehr fühlen sich Teilnehmer ggf. dazu animiert sich mehr einzubringen. Abgesehen von Transparenz natürlich auch eine starke Einbindung der Teilnehmer selbst, vielleicht sogar mit einem gewissen Potential an Einbringung und aktiver Gestaltung des Inhalts schon vor dem Spiel… also Dinge die teilweise Orgas schon machen, andere wiederum nicht. Und da gibts auch noch weit mehr als ich bis jetzt aufzählen konnte…
Schlussendlich können wir nur alle gemeinsam daran arbeiten, dass sich das Verhältnis zu “ich tue mehr für die Community (inkl. Veranstalter, etc.)” begünstigt entwickelt und wir über ein geringes Maß an “ich will nicht helfen” (warum auch immer) lernen müssen mehr hinweg zu sehen als früher.

Thomas Pointner hat geantwortet:

Ich hab 2012/2013 angefangen. Orga bin ich nur auf den Inselreichen. Meine Perspektive ist daher recht eingeschränkt 😅
Als ich angefangen hab, hatte ich sehr das Gefühl, die Orga ist grundsätzlich für alles zuständig. Niemand war zu helfen verpflichtet, und Leute haben es dann getan wenn ihnen grad danach war. Teilnehmer die sich mit Ideen/Impulsen/Kostümen/Props/Communitybuilding besonders eingebracht haben, waren besonders hoch angesehen.
Das hat mein Bild sehr stark geprägt. Ich hab als Orga von Anfang an das Gefühl gehabt, das Team muss die Dinge allein stemmen können, und glücklicherweise helfen dann aber auch meistens andere mit. Ich hab auch schon mal nach einem Spiel die Wildegg zu zweit mit meiner Mutter aufgeräumt und dabei zwischendurch geweint weil ich das so anstrengend und einsam fand.
Deswegen bin ich heute extrem froh wie toll die Inselreiche-Community zusammen hält. Sowohl auf den Spielen als auch dazsichen höre ich ganz oft die Fragen “Wie kann ich helfen? Was braucht ihr?” und Zuspruch als Orga. Das tut extrem gut, und ich bemühe mich mittlerweile bewusst, communitybuilding zu betreiben.
Wir haben auch das Team stark vergrößert, was auch ein Grund ist warum nicht mehr so viel auf den Schultern von einzelnen lastet, der nicht unbedingt mit der Community zu tun hat. Allein die Pizzi Urban stemmt mittlerweile mindestens so viel wie ich.
Also für mich fühlt es sich so an als ob der Zusammenhalt und das Zusammenhelfen stärker wird, aber ich glaube das das kein Allgemeinphänomen ist, sondern an meinen Erfahrungen als SL und an meiner Nische liegt.

Yvonne Leiche hat geantwortet:

Mein erstes, öffentlich ausgeschriebenes Spiel im Jahr 2000: Jeloins Hort auf Burg Engelstein. Lauter gute Bekannte oder sogar Freunde dort. Mörder Deko-Aufwand + Dungeon.
Manche sind schon am Samstag abgerissen, andere am Sonntag Morgen. Warum? Das Wetter war scheiße, es hat geregnet und war feuchtelig, die Burg war klamm. Wir waren nichtmal 10 Leute beim Wegräumen und haben ewig dafür gebraucht.
JEDE/R hatte für sich genommen einen guten, wichtigen Grund, warum er/sie leider früher weg musste.
Das war mein erstes und letztes Spiel ohne Putzpauschale.

Andreas M. Völker hat geantwortet:

Erstmal, ja, ich sehe da eine Entwicklung, aber “Konsumverhalten” gab es in der Form schon immer. Ich veranstalte seit 2003 LARP-Cons und schon damals war es so, dass Mithilfe beim Abbau von Spielerseite nicht selbstverständlich war. Allerdings war es da noch selbstverständlich, dass es am Sonntag noch Spielinhalt giebt und Spieler waren damals punktebedingt auch noch auf Conbescheinigungen scharf. Ich vermute, dass das nicht mehr vorhandene Spiel am Sonntag auch damit zusammenhängt, dass man sich seinerzeit noch XP dafür eintragen konnte, seit punktelose Systeme verbreiteter wurden, fiel diese Motivation weg.
Aber dieses Phänomen ist bekannt und daher planbar.
Was mir aber auch aufgefallen ist, dass Spieler vergleichen, ohne dabei die Rahmenbedingungen zu kennen. Beispiel: Location X in der Stadt Y wird seit Jahren von Verein A bespielt. die haben dort ein lager, haben Requisite und Kulissen in einem Umfang, der jedes Theater neidisch werden lässt und praktisch keine Transportkosten. Wenn jetzt Orga B aus Stadt Z dort was veranstaltet, haben die einen deutlich höheren und teureren Aufwand damit, können nur ein Bruchteil dessen was A hat heranschaffen und das auch noch für teuer Geld. Das sehen die Teilnehmer aber oft nicht und jammern dann rum, dass die veranstaltungen von A besser und obendrein noch günstiger sind. Und genau das ist eine Schattenseite von Konsumverhalten, denn es wird nur der sichtbare Teil verglichen, ohne zu überlegen, welcher Aufwand dahinter steckt. Würden LARP-Veranstalter Preise aufrufen, die in der freien Wirtschaft für den Aufwand üblich wären, dann würde sich das sowiso kaum noch jemand leisten können. Aber auch das sieht kaum jemand. Leider.
Was kann man dagegen tun? Nichts. Allerdings kann man sich als Orga so ausrichten, dass man mit genau diesem Konsumverhalten rechnet und die Veranstaltung entsprechend plant. Ich hatte lange das Prinzip, dass eine Wochenendcon bei mir nie mehr als 100 €uro kosten sollte. Das war immer möglich und funktionierte auch wirtschaftlich, führte aber auch immer zu Spielern, die nicht zufrieden waren. Deswegen bin ich davon jetzt weg, weil ich festgestellt habe, dass Spieler eher bereit sind, mehr zu zahlen, wenn dann auch mehr geboten wird, als eine günstige, aber durchschnittliche Veranstaltung zu besuchen. So ist der Markt aktuell und da passe ich mich entsprechend an.

Chris “Grilli” Berger hat geantwortet:

Was ich da aus früherer Zeit da noch im Kopf habe war, dass wenn Sonntag noch gespielt wurde dann ging’s um 8 los bis Mittag und nicht erst um 11. Und wenn nicht ist man trotzdem um 7, 8 aufgestanden und hat aufgeräumt. Und nicht erst irgendwann Mal um 10, 11 angefangen oder brav gewartet bis der letzte irgendwann aufgestanden ist. Ich kenne die Situation vom Drachenfest ziemlich gut und aufgrund der größe umso drastischer: Sonntag um 9 oder 10 hat man unzählige Hände die beim Abbau helfen wollen, aber die warten halt keine 3 h nur weil grad keine Arbeit da ist.

Maximian Hofbauer hat geantwortet:

Mir zeigt diese Diskussion wieder einmal auf, wie heterogen und uneinheitlich die Szene ist und wie falsch, vorschnell von den eigenen Erfahrungen auf die Gesamtheit zu schließen.
Ich nehme alles in allem als Orga überhaupt keine virulente Konsumkultur bei den TeilnehmerInnen wahr. Ganz im Gegenteil!
Ich erlebe SpielerInnen, die sich auf ihre Rollen vorbereiten, sich selbstständig mit den Vorinfos, die man ihnen zukommen lässt, auseinandersetzen und einander helfen, sich passende Kostüme zu organisieren.
Ich erlebe SpielerInnen, die wegen den Preisen keine Unterstellungen machen, sondern ein Grundvertrauen haben, dass das alles schon passen wird, dann, wenn sie doch einmal grad blank sind, maximal höflich fragen, ob sich vielleicht irgendeine Kulanzlösung finden lässt und mir nach dem Spiel häufig die Putzkaution schenken, um mir ein Schnitzel oder was fesches für den Fundus zu kaufen.
Ich erlebe SpielerInnen, die ganz selbstverständlich vor dem Spiel beim Aufbauen und Dekorieren helfen, mir wo immer ich währenddessen schnell Hilfe brauche zur Hand gehen und am Sonntag zusammenräumen und auch dann schon eigenständig damit anfangen, wenn die Orga wieder einmal restfett und zu lange im Bett liegt.
Ich erlebe SpielerInnen, die während dem Spiel aufeinander schauen, selbst Spielansätze für andere generieren und sich bemühen, auszuhelfen und mit eigenen Inputs einspringen, wenn Teile des Spiels einfach nicht hinhauen.
Ich erlebe SpielerInnen, die trotz aller Probleme und Kritik an einem Spiel Verständnis haben und trotzdem Wertschätzung und Dankbarkeit zeigen.
Und vor allem erlebe ich haufenweise Leute, die mir vor und nach dem Spiel bei unzähligen Orga-Arbeiten zur Hand gehen, für mich nähen, basteln, zeichnen, am Spiel kochen (!), den Webauftritt organisieren, den Fundus in Ordnung halten helfen, die Location inspizieren, Transportaufgaben erledigen, irgendwelche administrativen Dinge machen oder einkaufen gehen, alles, ohne dafür mehr als ein Bussi und ein Bier zu verlangen.
Sicher, es gibt immer wieder mal Ausnahmen und einzelne Situationen und der „grad voll im Stress weil das Spiel in einer Woche ist und überhaupt ist alles scheiße“-Max sudert natürlich auch ständig herum, aber mit etwas Abstand betrachtet sind das stets nur marginale Kleinigkgkeiten, die im allgemein ganz hervorragenden Community-Geist überhaupt keine Rolle spielen. Für jedes „Oida, wann kommt endlich mein Charakter?“ bekomme ich mindestens zwei „Hey Max, wie kann ich helfen?“. ❤
Und all das wurde in den letzten Jahren meinem Erleben nach keinesfalls weniger bzw. schlechter, sondern wenn, dann noch besser und selbstverständlicher. Und genauso wenig erlebe ich das nur bei den alten Hasen, sondern mindestens gleich stark bei den vielen coolen und motivierten Neuzugängen der letzten Jahre.
Mir tut es beim Lesen anderer Kommentare sehr leid, dass Andere da weniger Glück haben und hoffe, dass sich sich da Lösungen für euch finden lassen. Ein Larp zu organisieren ist so elendig viel Arbeit, die sollte man mMn nur machen, wenn man sich dafür auch gewürdigt und anständig behandelt fühlt.
Mich ärgert es aber ehrlich gesagt auch schon länger, dass in all diesen „Früher war alles besser und die heutige Szene ist aus diesem und jenem Grund ganz furchtbar“-Threads sehr schnell generalisiert und auf die ganze Szene geschlossen wird. Bitte passt da ein bisschen mit den Formulierungen auf. Mich graust es wirklich ein bisschen bei dem Gedanken, dass Außenstehende solche Diskussionen lesen und den Eindruck haben, die ganze Larpszene bestünde nur mehr aus konsumorientierten Trotteln, die sich nicht einbringen und darüber hinaus zu deppert sind, den Weg zur Location zu finden.

Alexander Neubauer hat geantwortet:

Ich möchte einen eher abstrakten und weniger auf die Vergangenheit sondern eher auf eine (vielleicht) wünschenswerte Zukunft hin ausgerichteten Vorschlag bringen, der zu diesem Thema als Lösungsvorschlag passend ist:
Ich fände es gut wenn die alteingefahrenen Grenzen zwischen Organisator*innen und Spieler*innenschaft langfristig aufgelöst werden. Mir ist klar, dass es wohl (fast) immer Menschen geben muss, die organisatorisch oder kreativ den Überblick behalten müssen, um ein kohärentes Spielerlebnis zu schaffen.
Ich glaube aber auch, dass es eine künstliche Grenze gibt die vielleicht noch aus den Ursprüngen des Larps im Pen and Paper Bereich stammt, die aufgeweicht werden könnte.
Wenn sich alle “Spielenden” eines Larps als Mitverantwortliche für dessen Umsetzung empfinden und nicht als Teilnehmende, könnte das das Verantwortungsbewusstsein, das Bewusstsein für den Arbeitsaufwand und das Commitment steigern und sich langfristig positiv auf die Community auswirken.
Nur so ein schnell hingeschriebener Gedanke.

Denkanstöße: Frauenrollen in patriarchalen Settings

Facebook ist ein tolles Medium. Viele Leute posten spontan interessante Kommentare zu verschiedenen Themen. Da wir uns auf facebook keine perfekt ausformulierten, rundum durchdachten Beiträge erwarten, ist die Hemmschwelle, etwas beizutragen viel geringer. Deshalb wird auf facebook viel diskutiert, auf Blogs hingegen nur wenig. Der Nachteil von facebook ist, dass alle Beiträge irgendwann im Dunkel der timeline verschwinden. Ich möchte deshalb versuchen, eine (subjektive) Auswahl an facebook-Beiträgen zu immer wiederkehrenden Diskussionsthemen dauerhaft in diesem Blog zu archivieren, damit wir später darauf verweisen können und nicht immer wieder von vorne beginnen müssen. Die folgenden Beiträge sind mit Einverständnis der Autor*innen (teilweise gekürzt, aber ansonsten unverändert) wiedergegeben.

zusammen

Marina Warncke hat die Diskussion eröffnet:

Gecastete Frauenrollen in historischen/patriarchalisch dominierten Settings.

Fällt es euch schwer interessante, starke und trotzdem dem Setting angepasste weibliche Charaktere zu schreiben oder ist dies kein Thema für euch?

Welche Möglichkeiten zur Ausübung von Macht und Einfluss haben Frauenrollen in solchen Settings abgesehen von der Sexuellen?

Sind wir als Autoren zu sehr von den gängigen Klischeé Vorstellungen des Mittelalters bzw. des 19. Jahrhunderts geprägt?

Verknüpfen wir interessante, spannende Plots eher mit männlichen Rollen wobei Weibliche danach mehr oder minder “hinzugefügt” werden?

An SpielerInnen von weiblichen Rollen:

Habt ihr schon mal einen “langweiligen” weiblichen Charakter zugeteilt bekommen und wenn ja was hätte man eurer Meinung besser machen können?

Neigt ihr bei bestimmten Settings eher dem Wunsch nachzugehen eine “Hosenrolle” zu spielen, aus Angst die weibliche Rolle würde euch unterfordern/euren Bedürfnissen nicht genügen?

(Link zur Original-Diskussion mit sämtlichen Beiträgen.)

Betti Auberger hat geantwortet:

dieses Thema ist unter anderem der Grund wieso mein Larp im Witcher Setting, und vor allem in den unteren Schichten spielt (wo Frauen oft gleichgestellter waren als bei den Adligen bzw nicht so eingeschränkt in ihrer Handlungsmöglichkeit.
Dennoch kam die Kritik hoch (eher von mir selbst), dass typischerweise im Hintergrund von weibl. Chars sowas wie Vergewaltigung, ehelose Kinder, Abtreibung, … oft sehr definierend für dessen Backstory war.
Grundsätzlich fiel es mir nicht schwer starke Frauenrollen zu schreiben, und mein Bruder meinte irgendwann sogar “wir schreiben voll die Amazona Megista Rollen und die Männer kommen oft schlechter weg”.
Mein Pro Tipp beim Charakterschreiben ist sich vorher 3-4 Themen/Gefühle/etc zu überlegen, die der Spielinhalt sein sollen oder was der Charakter erleben soll. Da herum bau ich dann den Rest.
Als Spielerin gebe ich offen und ehrlich zu, dass es Orgas gibt denen ich vertraue mir eine tolle Rolle in einem solchen Setting zu zuteilen, sei es Sklaven/Diener oder in einem hist. patriachalischen Setting.

Lydia Valant hat geantwortet:

Ich glaube schon, dass wir viel zu sehr viktorianisch geprägt sind. Davor gab es ja immer auch Berufe und selbständige Tätigkeiten, die Frauen ausführen durften und taten, ohne dass sie dafür negativ angesehen wurden. Gerade im Mittelalter übernahmen oft Frauen das Gewerbe des verstorbenen Mannes, wo sie vorher mitgeholfen haben, sie wurden also die selbständigen Inhaber einer Werkstatt uÄ.
Ein klassisches Beispiel für unterbeschäftigte Rollen ist die “Zofe”. Wenn man sich aber den historischen Begriff ansieht, ist das deutlich mehr als jemand, der hinterher dackelt, es ist eine Abhängigkeit vergleichbar mit Meister-Lehrling. Die Zofe ist von ähnlichem Stand, keine niedrige Magd, und wird zur Dame ausgebildet, während die Herrin ihr diese Ausbildung natürlich gewährleisten muss, ihr Kontakte am Hof und wenn möglich sogar einen Ehemann vermitteln sollte. Intrigen, Botengänge und Co. inklusive für den Zofencharakter.
Da sehe ich einfach überall die Verfehlung im Nichtwissen der Orgas mit historischem Setting. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, starke Frauen zu schreiben, die dennoch zu 100% in die historische Zeit passen.
Ich selbst habe mit meinem Setting im 18. Jahrhundert weniger Probleme, solche Rollen zu finden. Wir spielen nicht die oberste Schicht, aber selbst da gibt es Möglichkeiten, nicht nur zu sticken und dekorativ zu sein. Ich versuche eigentlich immer, etwas zu finden, was einem Spaß machen kann, ohne die gesellschaftlichen Grenzen der Zeit zu sprengen. Zudem dürfen sich die Charaktere gerne “emanzipieren” und müssen nicht in ihren anfänglichen Abhängigkeiten bleiben (sofern es für die Zeit natürlich plausibel ist; wobei wir das Heer mit der Ausnahme haben, dass sich Frauen, wenn sie sich in den “Männeralltag” eingliedern können, durchaus einschreiben können).
Ein paar Beispiele für meine weiblichen Charaktere:
– Die Frau des Obersten, die im Hintergrund alle politischen und gesellschaftlichen Fäden zieht
– Die Alleinerzieherin, die sich ein Gewerbe aufgebaut hat
– die Ehefrau, die die Rebellen finanziert
– die Frau, die sich auch durch Schläge und sonstiges nicht kleinkriegen lässt
– die Bankerin
– die Frau, die ihre Männer an der Nase herum führen könnte, wenn sie will
– die Frau, die sich scheiden ließ und lieber in Armut lebt statt mit dem Trinker
– das Mädl, das lieber einen Fremden heiratet für die Abenteuer in der Ferne als unter den Augen der feinen Gesellschaft bleibt
Ich habe bisher nur positive Rückmeldungen für die von mir geschriebenen Charaktere bekommen. Ich muss aber auch sagen, dass, wenn die Spielerinnen ihren Charakter als zu eingeschränkt empfinden, sie irgendwann selbst schuld sind, weil sie von mir diese Einschränkung nicht mit bekommen (klar, leicht mach ichs ihnen als Orga auch nicht 😉 aber das mach ich den Männern auch nicht).
Ja, ich hatte mehrmals schon Spiele, wo ich nur Dekoration war. Auf denen hatte ich Plots, die zu minimal, für andere uninteressant oder von anderen zu abhängig waren. Und es war einfach nur fad.
Gerade deshalb schaue ich, dass “meine” Frauen spielen können, ohne von (Männer-)Figuren allzu abhängig zu sein.
Ich habe noch nie eine Hosenrolle gespielt und will es auch nicht unbedingt. Zu deppert zum Nähen nach dem Mittelalter

Marianne Singer hat geantwortet:

mein Lieblingsthema … XD
ich fass mich aber kurz und möglicherweise etwas unsensibel, fucking-corona-real life-problems fressen grad sämtliche Kapazitäten für Sozialverträglichkeit.
bzgl. Charactere schreiben: hab ich noch nicht gemacht, aber ich werde mich in der Zukunft bemühen. 🙂
Welche Möglichkeiten zur Ausübung von Macht und Einfluss haben Frauenrollen in solchen Settings abgesehen von der Sexuellen?
– kommt auf die historische Epoche an (typische Historiker*innen-Antwort, sorry). Aber wenn man sich zB 2 Settings anschaut, die in Österreich viel bespielt werden (Barock + Viktorianik), dann könnte es Frauen in fast alle Positionen geben außer im Militär (Handwerkerinnen, Händlerinnen, Adelige, Grundbesitzerinnen, Erbinnen, Wissenschaftlerinnen, Ärztinnen, Amtsträgerinnen, …).
Sind wir als Autoren zu sehr von den gängigen Klischeé Vorstellungen des Mittelalters bzw. des 19. Jahrhunderts geprägt?
– definitiv. Der aktuelle historische Forschungsstand gibt so viel mehr her, wird aber gerne ignoriert. Manchmal kommt man nicht mal mit den entsprechenden historischen Belegen durch, weil es nicht in das nostalgische Bild vom Setting passt.
Verknüpfen wir interessante, spannende Plots eher mit männlichen Rollen wobei Weibliche danach mehr oder minder “hinzugefügt” werden?
– teils. meine Erfahrung (aus Spielerinnen-Sicht) ist eher, dass hauptsächlich Plots geschrieben werden, die sich in der “männlichen Sphäre” abspielen, wo weibliche Charaktere wenig Raum haben. Rahmenhandlungen bei denen weibliche Charaktere gleichermaßen Agenda haben sind selten.
Habt ihr schon mal einen “langweiligen” weiblichen Charakter zugeteilt bekommen und wenn ja was hätte man eurer Meinung besser machen können?
– langweilig manchmal, aber stereotyp zu 95%. Was man besser machen könnte: das Potential an historischen Vorbildern voll ausschöpfen, Hintergründe ohne Geschlechterstereotype schreiben (wurde schon weiter oben erwähnt – es gibt mehr Motivationen im Leben einer Frau als Liebe oder sexuelle Gewalterfahrungen), mächtige Frauenfiguren schreiben (da täte eine Quote echt gut), bewusstes play-to-lift, und v.a. Settings wählen die weibliche Charaktere nicht von vornherein ausschließen oder an den Rand drängen (Beispiel: wenn sich der Plot um Kriegshandlungen und Militär drehen, ist absehbar, dass Frauen nur als Dienerinnen/Prostituierte/sonstiges Fußvolk vorkommen).
Neigt ihr bei bestimmten Settings eher dem Wunsch nachzugehen eine “Hosenrolle” zu spielen, aus Angst die weibliche Rolle würde euch unterfordern/euren Bedürfnissen nicht genügen?
– definitiv. Der Unterschied ist gravierend – als Mann bekomme ich mehr Plot, als ich haben will. Das traurige ist, es löst das zugrunde liegende Problem ja nicht, wenn man ans andere Ufer wechselt (nur die eigene Situation wird verbessert).
ich hab vor 1,5 Jahren mal eine best-practice-Ideensammlung unter Larp-Autorinnen gemacht, aber den Text nie fertiggestellt (ich hab ihn dem einen oder anderen von euch schon versprochen, sorry, mea culpa …). Irgendwann mach ich das mal.
Grundsätzlich sollten wir uns fragen, ob es legitim ist, die vermeintliche Authentizität eines Settings über den Spielspaß von 50% der Spielerschaft zu stellen, und wem das nutzt.
Und warum wir so scharf drauf sind, diskriminierende Settings zu reproduzieren (so geil war die gute alte Zeit für einerseits Frauen und andererseits die Unterschicht mehrheitlich nicht), wenn die Diskriminierung nicht als narratives Instrument gerechtfertigt ist (also zB ein wichtiges Motiv in einem Charakterhintergrund ist)? wenn die IT-Diskriminierung nur Nostalgie ist? wem nutzt das?

Rosa Michor hat geantwortet:

Für mich als Spielerin liegt das Problem in immernoch wirkenden, patriachalen Gesellschaftsstrukturen, die OT zu jeder Zeit wirken. Nicht nur die, sondern auch andere, wie Rassismus ect. Gespielter, freiwilliger Sexismus kann ja super lustig sein und sogar hilfreich genau jenen zu reflektieren denke ich. Aber ganz klassischen, schmerzhaften Sexismus gibts in Spielen/Vorbereitungen auch. Danke Marianne Singer für deinen Beitrag, dem ich nur zustimmen kann.
Kein Larp befindet sich da im politik-freien Raum. Ich finde es großartig, wieviele Menschen sich bemühen diese Strukturen im Spiel auf allen Ebenen zu hinterfragen. Das ist sehr schwierig, anstrengend und verwirrend und so viele arbeiten an sich selbst und an ganz praktischen Dingen wie Spielmechaniken. Viele Vorurteile, Stereotypen, Scham und Unsicherheiten sind einfach so tief in uns allen, auch in mir natürlich, drinnen, dass es echt schwer ist, sie zu erkennen und loszuwerden. Im Larp gibt es da grundsätzlich eine große Chance, genau diese Strukturen auch zu erkennen, oder eben unterschiedliche Rollen auszuprobieren. (Oder: WOW auch einfach so grandiose Frauen kennenzulernen und spielen zu sehen, oder auch Männer in ganz unterschiedlichen, vielschichtigen Rollen. Das war oft einfach extrem beeindruckend für mich und lässt Normen hinterfragen.) Seitdem ich in Larps mehr Facetten an Rollen, Konflikten und Szenen spiele, fällt es mir im Alltag auch viel leichter, unterschiedlich auf die Auswüchse patriarchaler Strukturen in meinem Verhalten oder im Verhalten von anderen Menschen zu reagieren. Es bleibt trotzdem für mich viel Luft nach oben diese OT Dynamiken nicht selbst auf Spielen zu unterstützen, oder auch mal was anzusprechen. Nocheinmal: Ich finde es großartig was viele schon überlegen, hinterfragen und sich bemühen wenn es um dieses Thema geht, aber ganz ehrlich: Es gibt noch viel für uns alle zu tun.
Zu den konkreten Fragen: Irgendetwas zu schreiben, was nicht durch meine eigene Sozialisation extrem beeinflusst ist, ist gar nicht möglich. Patriarchale Strukturen wirklich auszuhebeln braucht extremes Querdenken, Übung und Anstrengung und viel Austausch mit anderen. Patriarchale OT Strukturen auf Larps sind ja genau dieselben wie auf der Straße, in der Firma oder im Darknet 🙂 Aber wir haben den Vorteil, dass wir im Spiel viel ausprobieren können.
Was besser gemacht werden könnte: Rollen schreiben, ohne vorher das Geschlecht klar zu haben. Dieses Thema ansprechen. Raum für Disskusionen öffnen. (Genau wie es hier gerade passiert) Privilegien hinterfragen.

Maximilian Hofbauer hat geantwortet:

Als jemand, der einerseits Spiele in einem Setting mit stark patriarchalen Gesellschaftsstrukturen macht, andererseits aber meist deutlich mehr als 50% Frauen unter den Angemeldeten hat, ist das ein Thema, das mich schon lange beschäftigt. Besonders bemerkenswert finde ich, dass sich die bestehende Problematik sowohl auch in Settings wiederfindet, in denen es keine genuine Ungleichheit der Geschlechter gibt, als auch auf solchen Spielen, die von Frauen geschrieben werden. Ich vermute also, dass unter anderem auch unser aller kulturelle Sozialisierung eine Rolle spielt. Wir sind eben mehrheitlich Geschichten gewohnt, die sich um Männer drehen und scheinen dazu zu tendieren, das latent zu reproduzieren.
Ich sehe letztendlich zwei nicht ganz deckungsgleiche Fragen:
1. Haben, auch dann, wenn das Setting eine starke Geschlechtertrennung kennt, weibliche Figuren gleich spannende, involvierende und erfüllende Spielansätze, wie die männlichen sie haben? Ich glaube, dass sich damit alle, die Spiele schreiben, konfrontieren müssen, vor allem aber dann, wenn man sich eben in einem dezidiert patriarchalischen Setting bewegt. „Ich finde es spannend, eine eingeschränkte Rolle zu spielen“ ist ein Standpunkt, den ich schon von manchen Frauen in so einem Zusammenhang gehört habe, „ich find es ok, wenn die Rolle einfach weniger vom Spiel hat“ hingegen nicht 🙂.
Obwohl ich dieses Thema seit einigen Spielen schon klar am Schirm habe und mich wirklich bemühe, merke ich jedes Mal, dass das ab und zu wirklich keine Leichtigkeit ist und ganz offensiv angegangen werden muss und ich bin daher besonders dankbar über diese Diskussion und euren spannenden Input.
2. Egal wie sehr es einem gelingt, Spielansätze für weibliche Figuren zu schaffen, in einem auf Ungleichheit aufbauenden Setting (bspw. die meisten historischen) bleiben gewisse Bereiche bzw. Zugänge dazu bestehen, die nur männlichen Rollen offen stehen. Das lässt sich nicht weg diskutieren und auch nicht ändern, solange man das Szenario nicht dahingehend bewusst von der Vorlage entfremdet. Ich finde es legitim, solche Szenarien zu bespielen, mache es ja selbst auch und entnehme dem regen Zulauf, den sie quer durch die Orgas bei weiblichen TeilnehmerInnen finden, dass das auch viele Frauen so sehen. Ich glaube aber, dass es bei solchen Szenarien dann umso wichtiger ist, diesen Fakt bereits in der Ausschreibung bzw. Anmeldung zu thematisieren und damit von Anfang an durch offene Kommunikation klare Erwartungshaltungen zu schaffen. Persönlich habe ich daher bei meinem Anmeldefragebogen dazu einen Punkt ergänzt, der darüber aufklärt und die Teilnehmerin bittet, kurz auszuführen, inwiefern das für sie interessant ist und ob fallweise eine Ausnahmelösung gefunden werden muss („die einzige Erbin, die daher trotz Weiblichkeit offen über Politik und Krieg verhandeln kann“, etc.).
tldr; Ich glaub, es gibt da ein latentes Problem, dem man am besten beikommt, indem man es gezielt und regelmäßig thematisiert, weswegen diese Diskussion super ist 🙂.

Ich selbst habe damals geantwortet:

Was ich in letzter Zeit erlebe: Bei fiktiven Settings werden sexistische Stereotype immer seltener akzeptiert; d.h. man muss als Orga mittlerweile echt schon damit rechnen, auf facebook oder sonstwo gebasht zu werden, wenn man die eigene Fantasywelt unreflektiert mit patriarchalen Klischees ausschmückt.
In den historischen Settings ist das Thema wohl schwieriger. Sich einfach mit dem Argument “das war damals halt so” herauszureden, ohne weiter darüber nachzudenken, klappt heute aber nicht mehr. Wahrscheinlich hilfts dabei auch, wenn man Frauen im Team hat, denn wir schreiben ja oft Rollen, die wir auch selber gerne spielen würden. 🙂
Wenn man nicht unreflektiert an das Thema herangeht, sondern die eigene Intention aktiv kommuniziert, ist aber eh alles möglich, finde ich. Gibt ja sicher auch Frauen, die sehr gerne in traditionelle Settings eintauchen. Und für mich ein wichtiger Aha-Effekt war das hyperrealistische Larp “1942”, das ausgerechnet in der stark feministisch aufgeladenen Nordic Larp Community veranstaltet wurde. Die haben ein norwegisches Küstendorf während der deutschen Besatzungszeit dargestellt. Die Wehrmachtssoldaten wurden von deutschsprachigen Larpern verkörpert (aus unserer Sicht bereits ein erster Tabubruch!), die norwegischen Larper*innen haben die norwegische Dorfbevölkerung dargestellt. Weil von der Location bis zu den Kostümen alles komplett authentisch sein sollte, haben sie auch kein Cross-Dressing zugelassen und Frauen auf “traditionelle” Frauenrollen beschränkt! (was nicht hieß, dass Frauenrollen langweiliger waren: Sie hatten im zivilen Widerstand spannende Aufgaben zu erledigen und viel sozialen Konflikt durch Beziehungen zu deutschen Soldaten usw.)
Das alles war wohl deshalb (ohne shitstorm) möglich, weil sie sehr behutsam an das Thema herangegangen sind und eben sehr offensiv kommuniziert haben. Wenn man als Orga ein heikles Thema anspricht (und eigene Entscheidungen begründet), bevor Außenstehende das Thema unkontrolliert aufgreifen, ist nach meiner Erfahrung schon viel gewonnen und man kann dann eigentlich fast jedes Thema bearbeiten.